Es ist Dienstagmorgen im WK in Oberdorf, Nidwalden. Zwischen Bergen, Militärgelände und Materialcontainern entsteht plötzlich ein kleines Zeitfenster für Run 7, den letzten Trainingslauf vor dem Final Run von Chasing Sub 20.
Im WK hatte ich heute genau einen Auftrag: Material fassen. Sonst stand nichts auf dem Programm. Genau deshalb wollte ich die Sache möglichst schnell hinter mich bringen. Direkt nach dem Frühstück ging ich also das Material fassen, damit ich danach sofort loslaufen kann.
Denn sobald der militärische Alltag wieder richtig startet, verschwindet dieses Zeitfenster wieder genauso schnell, wie es entstanden ist.
Neue Umgebung, neue Strecke
Das Problem: Ich kenne Oberdorf absolut nicht.
Keine Ahnung, wo man hier laufen kann. Keine gewohnte Runde. Keine Orientierung. Kein Gefühl für die Strecke.
Also mache ich etwas, das ich bei diesem Projekt bisher eigentlich nie gemacht habe: Ich öffne Strava und suche nach vorgeschlagenen Routen.
Irgendwann finde ich eine Strecke mit ungefähr 5.2 Kilometern entlang eines Flusses. Relativ flach. Sah auf der Karte fast ein bisschen aus wie die Aare-Runde zuhause in Heimberg.
Perfekt.
Zumindest theoretisch.
Körper hatte andere Pläne
Das Ziel war eigentlich klar:
Wieder möglichst nahe an die 4:00/km kommen.
Ein letzter schneller Trainingslauf vor dem Final Run.
Aber schon nach den ersten paar hundert Metern merke ich:
Heute wird das nichts.
Das Morgenessen liegt noch komplett im Bauch.
Dazu kommt, dass ich am Vorabend schlecht eingeschlafen bin. WK halt. Andere Umgebung, anderer Rhythmus, wenig Ruhe.
Die Beine fühlen sich okay an.
Der Rest nicht.
Und trotzdem versuche ich am Anfang noch, das Tempo irgendwie hochzuhalten: 4:23 auf dem ersten Kilometer.
Aber es fühlt sich nicht kontrolliert an. Eher wie ein Kampf gegen den eigenen Körper.
Die verpasste Abzweigung
Nach ungefähr einem Kilometer passiert dann das, was eigentlich fast logisch war: Ich verpasse eine Abzweigung.
Und genau in diesem Moment kippt der ganze Run mental ein bisschen.
Normalerweise kenne ich jede Kurve der Strecke in Heimberg. Ich weiss genau, wann welche Brücke kommt, wann welcher Abschnitt beginnt und wo ich beschleunigen kann.
Hier?
Nichts.
Nur unbekannte Wege irgendwo zwischen Fluss, Kiesweg und Bergen.
Weil ich die Strecke nicht kannte, hatte ich zum ersten Mal bei diesem Projekt das Handy dabei. Sonst laufe ich eigentlich immer ohne. Und genau dadurch merke ich irgendwann überhaupt erst, dass ich falsch bin.
Also kurz stoppen. Umkehren. Wieder zurückfinden.
Nicht dramatisch.
Aber genug, damit der Rhythmus weg ist.
Irgendwann ging es nicht mehr um Pace
Und dann kommt das Seitenstechen.
Zuerst leicht.
Dann immer stärker.
Ab diesem Moment wusste ich eigentlich:
Heute geht es nicht mehr um Pace.
Nicht mehr um eine starke Zeit.
Nicht mehr darum, irgendetwas zu beweisen.
Das Ziel war plötzlich einfach: Diesen Lauf fertig machen, ohne abbrechen zu müssen. Einfach irgendwie durchziehen.
Und ehrlich gesagt war das mental fast schwieriger als ein schneller Lauf.
Denn bei einem guten Training trägt dich die Euphorie ein bisschen mit.
Heute gab es diese Euphorie nicht.
Nur grauen Himmel, Seitenstechen und die Erkenntnis, dass man manchmal einfach akzeptieren muss, dass der Körper nicht immer eine Glanzleistung bieten kann.
Trotzdem hatte dieser Lauf etwas besonderes
Je länger der Run dauerte, desto mehr begann ich die Umgebung wahrzunehmen.
Die Berge.
Der Fluss.
Die tiefen Wolken zwischen den Felsen.
Alles wirkte ruhig und gleichzeitig brutal mächtig.
Irgendwie doch anders als zuhause an der Aare.


Und genau deshalb passte dieser Lauf irgendwie perfekt in diese Phase des Projekts.
Nicht jeder Run in Chasing Sub 20 musste spektakulär sein.
Nicht jeder Lauf musste ein Fortschritt auf der Uhr sein.
Manchmal besteht Fortschritt einfach daraus, trotzdem rauszugehen.
Auch wenn die Voraussetzungen schlecht sind.
Auch wenn der Körper nicht mitmacht.
Auch wenn man eigentlich lieber wieder zurück ins Bett würde.
Der letzte Test vor dem Finale
Am Ende stehen 5.01 Kilometer in 24 Minuten auf der Uhr. Keine spezielle Zeit und definitiv nicht der Lauf, den ich mir ursprünglich vorgestellt hatte. Eigentlich wollte ich nochmals möglichst nahe an die 4:00/km kommen und vor dem Final Run ein richtig starkes Gefühl mitnehmen.
Stattdessen wurde es wahrscheinlich der chaotischste Lauf des ganzen Projekts.
WK, schlechtes Einschlafen am Vorabend, Frühstück noch im Bauch, eine verpasste Abzweigung irgendwo entlang des Flusses und Seitenstechen, das mit jedem Kilometer stärker wurde. Irgendwann ging es nicht mehr darum, schnell zu sein. Ich wollte den Lauf einfach irgendwie sauber fertigbringen.
Und trotzdem bin ich im Nachhinein froh, dass ich ihn gemacht habe.
Gerade im WK wäre es extrem einfach gewesen, irgendeine Ausrede zu finden und den Run auf später zu verschieben. Aber darum ging es bei diesem Projekt nie. Nicht jeder Lauf fühlt sich gut an. Nicht jede Einheit ist perfekt vorbereitet.
Jetzt fehlt nur noch ein Run.
Der Final Run.
Und irgendwie passt es sogar, dass der letzte Trainingslauf nicht perfekt war. Denn genau das macht die ganze Journey ehrlicher.


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