Der Moment, in dem klar war: Heute
Der finale Run war nicht rot im Kalender markiert. Es gab keinen Countdown und keinen bewusst gewählten Termin. Doch als ich an diesem Mittwochmorgen aufwache, fühlte sich alles richtig an.
Die Beine sind frisch. Der Kopf ist bereit. Und irgendwo zwischen Aufstehen und Morgenkaffee ist die Entscheidung gefallen:
Heute ist der Tag.
Keine Experimente mehr
Diesmal wollte ich nichts dem Zufall überlassen.
Aus den vergangenen Läufen hatte ich genug gelernt und wusste ziemlich genau, was mir guttut und worauf ich verzichten kann. Also halte ich die Vorbereitung bewusst simpel.
Keine Experimente. Keine spontane Änderung des Plans.
Der Fokus liegt nur auf einer Sache:
Fünf Kilometer unter 20 Minuten laufen.
Eine Überraschung gibt es trotzdem.
Meine Garmin-Uhr liegt nicht bei mir. Ich habe sie am Vortag einer Leserin ausgeliehen, die durch die Blogserie selbst Lust aufs Laufen bekommen hat und das Experiment ausprobieren wollte.
Ein schönes Feedback für das Projekt, allerdings nicht unbedingt am Tag des wichtigsten Laufs.
Also muss Strava auf dem Handy reichen.
Ich öffne die App, stelle mich an den Startpunkt und drücke auf „Record“.
Jetzt gibt es keine Vorbereitung mehr.
Jetzt wird gelaufen.
Kein Reinfinden sondern pace, pace, pace
Die ersten Meter fühlen sich gut an. Fast schon zu locker für ein Tempo, das mich unter 20 Minuten bringen soll.
Der Rhythmus ist sofort da. Die Atmung ruhig, die Schritte kontrolliert.
Genau so hatte ich mir den Start vorgestellt.
Der erste Kilometer vergeht schnell. Nicht überdreht, nicht hektisch, einfach konstant.
Der Moment, der alles hätte kippen können
Dann kommt die Zugbrücke in Uttigen.
Der Punkt, an dem ich die Aare überquere und wieder Richtung Thun zurücklaufe. Normalerweise ein Abschnitt, über den man nicht gross nachdenkt.
Dieses Mal schon.
Auf der Brücke kommt mir eine grössere Gruppe entgegen. Mehrere Personen mit Rollstühlen nehmen praktisch den gesamten Durchgang ein. Ich muss das Tempo rausnehmen, kurz warten und mich irgendwie vorbeischlängeln.
Nicht lange.
Vielleicht nur ein paar Sekunden.
Aber während eines 5-Kilometer-Laufs fühlt sich selbst ein kurzer Unterbruch plötzlich deutlich länger an.
Der erste Gedanke kommt sofort:
Hoffentlich war das nicht genau die Zeit, die am Ende fehlen wird.
Nicht denken sondern laufen
Sobald der Weg wieder frei ist, beschleunige ich wieder.
Ohne lange nachzudenken. Ohne zu überlegen, wie viel Zeit ich gerade verloren habe.
Der Rhythmus findet mich schneller wieder als erwartet. Die Beine fühlen sich gut an, die Atmung bleibt kontrolliert und das Tempo wirkt weiterhin machbar.
Ab diesem Moment treffe ich eine bewusste Entscheidung:
Ich schaue nicht auf die Zwischenzeiten.
Kein Rechnen. Kein Hochrechnen. Keine ständigen Kontrollen.
Ich weiss aus den letzten Wochen, dass mir das in solchen Momenten nicht hilft.
Also richte ich die Aufmerksamkeit auf das, was direkt vor mir liegt.
Den nächsten Schritt.
Die nächste Kurve.
Den gleichmässigen Atemrhythmus.
Mehr interessiert mich in diesem Moment nicht.
Zwischen Hoffnung und Zweifel
Die Kilometer vergehen schnell.
Einer nach dem anderen.
Und trotzdem bleibt da im Hinterkopf diese kleine Unsicherheit.
Wie viel Zeit hat der Unterbruch auf der Brücke tatsächlich gekostet?
Bin ich noch auf Kurs?
Eine Antwort darauf habe ich nicht.
Das Handy bleibt in der Hosentasche und die Zwischenzeiten interessieren mich weiterhin nicht.
Ich versuche den Rhythmus zu halten und darauf zu vertrauen, dass die letzten Wochen Training ihren Zweck erfüllt haben.
Die Zielgerade
Dann kommt die Zielgerade.
Ein Abschnitt, den ich mittlerweile in- und auswendig kenne. Schon bei den vorherigen Runs war klar, dass hier die Entscheidung fallen würde.
Dieses Mal fühlt es sich anders an. Wichtiger als sonst…
Also erhöhe ich das Tempo ein letztes Mal.
Was noch in den Beinen steckt, bleibt jetzt nicht mehr zurück.
Die letzten Meter ziehen vorbei.
Während des Laufens hole ich mein Handy aus der Hosentasche. Nicht besonders elegant, aber ich will die Aufzeichnung möglichst genau beim Ziel stoppen.
Noch ein paar Schritte.
Dann drücke ich auf «Stop».
Die Zahl auf dem Display
Ein kurzer Blick aufs Display…
5km in 19:54.
Für einen Moment starre ich einfach auf die Zahl.
Nicht, weil ich sie nicht verstehe.
Sondern weil ich sicher sein will, dass sie wirklich dort steht.
Ich bleibe stehen und atme durch.
Kein Jubelschrei.
Keine grosse Siegerpose.
Eher dieses ruhige Gefühl, das langsam einsetzt, wenn man realisiert, dass sich die ganze Arbeit der letzten Wochen gerade ausgezahlt hat.
Es hat funktioniert!
Mehr als nur eine Zahl
Wenn ich mir die Daten nach dem Lauf anschaue, wird klar, wie knapp es tatsächlich war.
19:54.
Sechs Sekunden unter der magischen Marke.
Der erste Kilometer noch leicht über dem Zieltempo, danach jeder einzelne Kilometer unter vier Minuten. Mehrere persönliche Bestzeiten und der schnellste 5-Kilometer-Lauf meines Lebens.


Und trotzdem fühlt sich dieser Moment nicht wie das Resultat eines einzelnen Tages an.
Die 19:54 wurden nicht auf den letzten fünf Kilometern gewonnen, sondern in den Wochen davor. Bei den Intervalltrainings, den lockeren Läufen entlang der Aare und auch an den Tagen, an denen die Motivation nicht von alleine kam.
Als ich dieses Projekt gestartet habe, war die Frage simpel: Kann ich die Sub 20 knacken?
Die Antwort lautet: Ja.
Aber nicht wegen eines perfekten Laufs, sondern weil sich alles Schritt für Schritt aufgebaut hat.
Und genau deshalb bleibt am Ende nicht die Zahl hängen, sondern der Weg dorthin.
Vielen Dank fürs lesen und supporten!
David Schmocker


Kommentar verfassen